Die Fahrradtour ans Mittelmeer


Frühmorgens, schon bevor die ersten Hähne krähen, werden die abenteuerlustigen Radler von dem Fahrradguide geweckt. Nach der Schnellwäsche und einem kurzem Frühstück geht es dann auch schon los. Die Räder werden schon am Vorabend klar gemacht, so dass jeder Teilnehmer ein perfekt auf seine Größe abgestimmtes Gefährt bekommt. Satteltaschen befestigen, Rucksack auf den Rücken – und das Abenteuer beginnt. Viele Wege führen nach Rom. So auch ans Mittelmeer. Welche Strecke der Guide mit den Jungs und Mädels geplant hat, ist Sache der Protagonisten selbst. Im Zickzackkurs durch die Täler der Provence, der direkte Weg durch die Berge oder eine Kombination von beiden Strecken – alles ist möglich. In den vergangenen Jahren war es so, dass fast immer Avignon angefahren wurde. Die Stadt der Päpste hat eine besondere Anziehungskraft. Dort angekommen, sind die Strapazen bis dahin schnell vergessen. Über die Prachtstraße der mittelalterlichen Stadt, der Rue de la Republique, wird bis zum neuen Papstpalast geradelt. Dort werden die Drahtesel gesichert und die Stadt erkundet. An den zahlreichen Brunnen besteht die Möglichkeit, die Trinkwasservorräte aufzufüllen. Die Proviantpakete bleiben meist noch unangetastet, weil ein beliebtes amerikanisches Schnellrestaurant mit pappigen Burgern lockt.

Ausgeruht und gestärkt schmieren sich die Biker die der Sonne ausgesetzten Hautpartien ein, besteigen ihre Drahtesel und fahren aus der Stadt heraus Richtung Süden, wo die Wellen des Mittelmeeres locken. Die schwierigen Etappen sind gemeistert und jetzt geht es ohne größere Anstrengung nach Arles, dort wo der berühmte Maler Vincent van Gogh lange Zeit arbeitete. Van Gogh wollte hier die die „blauen Töne und heiteren Farben des Südens“ finden. Er hat sie gefunden. Die alte Stadt an der Rhone mit den vielen römischen Bauwerken ist das Tor zur Carmargue, der in Europa einmaligen Sumpflandschaft, in der heute noch halbwilde Pferde und Stiere zu Hause sind. Ab hier gibt es jetzt keine Hügel mehr. Wenn unsere Radfahrer Glück haben, schiebt der Mistral, der berüchtigte Fallwind des Rhonetals, die Jungs und Mädels so an, dass ein vollkommen entspanntes Radeln bis zum Ziel möglich ist. Zusätzlich zum Sonnenschutz werden Mückensprays aufgetragen.

Die Sumpflandschaft ist der Lebensraum von Milliarden Insekten, die uns das Blut aussaugen wollen. Mit den richtigen Präparaten ausgestattet, ist das allerdings kein Problem. Die Carmargue ist übrigens das größte Reisanbaugebiet in Europa. Während der Tour erfahren die Teilnehmer, wie bei allen anderen Touren auch, sehr viel Wissenswertes über die verschiedenen Regionen. Nach etlichen Kilometern ohne Zivilisation kommen nun die ersten Häuser in Sicht. Der provencalische Baustil unterscheidet sich erheblich von den Bauten in der Carmargue. Man könnte meinen, in Spanien oder Mexico zu sein. Vorbei an den Haziendas durch den strengen Geruch der Pferde sind es nur noch wenige hundert Meter bis zum Ziel „Les Saintes Maries de la Mer“. Der Zigeunerwallfahrtsort hat normalerweise ca. 2500 Einwohner. In den Sommermonaten beherbergt die Region oft 20000 Touristen. Kaum einer lebt in diesem ehemaligen kleinen Fischerdorf noch vom Fischfang. Alles ist auf Tourismus umgestellt. Ob wir das nun Kulturbolschewismus nennen oder einen Segen, ändern werden wir es nicht.

Unsere jungen Abenteurer aus Saint Julien de Peyrolas interessieren sich im Moment noch nicht für das Dorf und die mittelalterliche Wehrkirche. Sie wollen nur noch ins Meer. Die meisten springen direkt mit ihren Klamotten in die Fluten und sind glücklich, die lange anstrengende Fahrt hinter sich gebracht zu haben. Nach der ersten Salzwasserkur wird eine Expeditionstruppe zusammengestellt, die einen Lagerplatz für die kommende Nacht suchen soll. Wildcampen ist an den Stränden von „Les Saintes Maries de la Mer“ verboten. So muss man schon ein wenig suchen, bis man den gewünschten Platz findet. Nah am Meer, am besten direkt am Strand und natürlich kaum zugänglich von der Gendarmerie, die nur darauf wartet, Wildcamper zu erwischen. Unter den Sternen mit der Geräuschkulisse der brechenden Wellen zu schlafen ist schon ein besonderes Erlebnis, das man wohl kaum vergessen wird. Der neue Tag lockt mit einem erfrischenden Bad in den kleinen Wellen des Mittelmeeres. Nach der Auflösung des Nachtlagers und einem ordentlichen Frühstück wird das Dorf besichtigt. Anschließend wird so lange am Strand gefaulenzt, bis die Busse mit den Anhängern für die Räder einrollen. Dann wird alles gut verstaut und in weniger als zwei Stunden ist die sportliche Truppe wieder im 150 Kilometer entfernten Ausgangspunkt auf unserem Campingplatz im Tal der Ardeche. Die von allen bewunderten „Helden“ werden ordnungsgemäß gefeiert und erzählen gern von ihrem großen, anstrengenden und lehrreichen Abenteuer.

   
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